Die Stille nach dem Maidan

Das eigent­lich Wichtige wird in der Ukraine von je her am Küchen­tisch bespro­chen. Die Analyse zur Politik ist in keiner Zeitung zu lesen. Die Wirklich­keit, die du nicht selbst gesehen hast, gilt nichts. Was zählt, erzählen dir Vertraute am Abend­brot­tisch. So war es zu Sowjet­zeiten, wahrschein­lich war es auch schon zu Zaren­zeiten so. Dann hieß es eine Weile lang, die „Küchen­tisch­kultur“ gehörte der Vergan­gen­heit an. Heute ist sie zurück. Das sagen jeden­falls unsere Freunde aus Kiew.


Als wir vor 12 Wochen mit unseren Kiewer Freunden skypten, sagten sie uns, sie wollten auf unser Angebot zurück­kommen. Wir hatten angeboten, sie könnten zu uns kommen, wenn es in der Ukraine Krieg geben würde. Das Bild der Skype-Kamera sah überhaupt nicht nach Krieg aus, sondern nach Juri, der dabei war, seinen 34. Geburtstag vorzu­be­reiten. Er versuchte gerade Eischnee­kleckse so auf ein Backblech zu setzen, dass sie zu Baisers-Törtchen mit aufrechten Zipfeln ausbacken, was ihm meistens misslingt. Mischa war zu Besuch. Die beiden erzählten, die Mobil­ma­chung der ukrai­ni­schen Männer sei gerade im Gange. Juri ist Geschichts­wis­sen­schaftler mit einer halben Stelle an der Kiewer Taras-Schewtschenko-Universität, und weil man auch von etwas leben muss, betreibt er mit Mischa zusammen einen kleinen Handel mit deutschen VW-Autoteilen. Er hat eine Frau, Vika. Sie haben gemeinsam eine kleine Wohnung in Kiew, Freunde in der Ostukraine und Verwandte in Russland. Nach Donezk in den Krieg zu ziehen, klang für sie so absurd, als wenn Berlin gegen das Ruhrge­biet marschierte. Und während Juri Eischnee­kleckse setzte und dabei vom Krieg erzählte, klang das alles falsch, etwa so, als wenn man ein Video mit einer falschen Tonspur abspielen würde. Vielleicht war das der Grund, dass wir das Ganze „Urlaub“ nannten. Juri und Mischa würden bei uns Urlaub machen, nur so lange bis die Mobil­ma­chung vorbei wäre. Auch Vika käme mit. Die Kiewer Küche wurde nach Berlin verlegt. Seither haben wir diesen seltsamen Krieg hier bei uns.


Am Anfang war es ziemlich lustig. In unserer Dreizim­mer­woh­nung verteilten wir Camping­ma­tratzen. Wir kochten sehr viel: zum Beispiel ein jüdisches Gericht, das aus Buchweizen, Geflügel, Zimt und Anis besteht. Juri ist nämlich Jude. Am Küchen­tisch wurde zum Beispiel die Geschichte erzählt, wie vor zwanzig Jahren schon einmal sämtliche Juden aus der Ukraine auswan­dern wollten. Alle hätten in den Botschaften angestanden, und Juris Vater hätte es geschafft, eine Einladung, als Kontin­gent­flücht­ling nach Mannheim zu kriegen. Als die Familie „Mannheim“ las, hätten sie in der Botschaft nachge­fragt, ob sie die Einladung gleich annehmen müssten. Die Antwort war: Nein. Sie könnten kommen, wann immer sie wollten. Juris Vater und seine Mutter wären erleich­tert gewesen. Und jetzt, da sie ja jederzeit gehen konnten, fühlten sie sich in Kiew zum ersten Mal so richtig zu Hause. „Die Freiheit genießen, zu Mannheim nein sagen zu können“, scherzten sie gern. Wir tranken Obstler, und passend zur Geschichte garte in unserem Backofen der jüdische Auflauf.


Nicht, dass Juri es mit den jüdischen Regeln allzu genau genommen hätten. In den kommenden Tagen aßen wir uns durch die deutsche Grill­wurst­kultur. Das Wetter war herrlich, wir unter­nahmen Ausflüge nach Branden­burg. Diesen Sommer nicht Schwarzes Meer, sondern Märkische Schweiz. Wir fuhren nach Buckow, wo es einen See gibt und wo man Brechts Sommer­villa besich­tigen kann. „Gedanken zur Dauer des Exils“ stand auf einem Papier hinter Glas, das im Flur aufge­hängt war: „Schlag keinen Nagel in die Wand, wirf den Rock über den Stuhl. Du kehrst zurück in vier Tagen.“ Am späten Nachmittag grillten wir, direkt am Buckower Uferweg. „Kauf keinen Herd aus Stahl, nimm einen Einweg­grill“, sagte Juri. Die niedrige Sonne beschien unser Alu-Barbecue, und für einen Moment war alles wie auf einer Liberté-toujour-Werbung, nur ohne Gauloises, weil wir Tabak drehten. Mit Wasser­pump­guns spielten wir Kampf in der Ostukraine. Mischa tötete Juri. Wir machten eine Menge Handy­fotos: Mischa mit Pumpgun, Vika füttert Schwäne. Juri, die Füße im Wasser und raucht.


Zu Hause schlugen wir zwar keine Nägel in die Wand, fuhren aber zu Ikea, um Kleider­stangen zu kaufen. Wir legten fest, wer wann welchen Platz an welchem Tisch nutzen durfte, denn natürlich hatte niemand von uns so richtig Urlaub. Mischa sondierte den deutschen Automarkt. Vika unter­richtet Englisch, sie gab ihre Stunden auf Skype. Juri war fürs Einkaufen und fürs Kochen zuständig. Zum Essen und zum Rauchen trafen wir uns in der Küche. Wir saßen oft in der Küche – so oft, dass die Wände vom Rauchen gelblich wurden und so viel erzählt wurde, dass es ausrei­chen würde bis nächstes Jahr.


Zum Beispiel, wie unsere Freunde von den ersten Tagen auf dem Maidan mit dabei waren. Wir sahen Fotos dazu: Gewaltige Schals, dicke Pudel­mützen. Mischa trägt eine mit einem Garfield drauf. Unsere Freunde sind nicht das, was man „politisch“ nennen würde. Wie die meisten Leute waren sie ohne Fahnen gekommen, und wollten etwas gegen das korrupte System der Ukraine tun. „Die Gründe, weshalb Menschen auf einem Platz herum­frieren und die Slogans, mit denen diese Demons­tra­tionen in die Geschichte eingehen, sind oft andere“, sagte Juri und schraubte eine Flasche Mirabel­len­brand auf. Auf manchen Bannern stand: „Für eine freie Ukraine“. Das hieß schon etwas anderes. Als man schließ­lich las: „Die Ukraine den Ukrainern“ soll Vika Juri angesehen und gesagt haben. „Ich frage mich, was das für uns heißen wird. Ich bin Halbrussin. Und du bist Jude.“


Und dann hätte sich – erst schlei­chend, dann immer schneller – das Leben verändert. Als die Demo riesig wurde und alle Welt nach Kiew schaute, hätte es angefangen. Sie nannten es: Die Stille auf dem Maidan. Erst war es ein Witz der Demons­tranten: Wenn du Ruhe brauchst, geh auf den Maidan. Wenn du Aufregung suchst, bleib zu Hause. „Der Ort des Gesche­hens war ja blind“, sagt Juri. „Meistens stand man nur da und hörte die Feuer brennen. Und wenn dann mal etwas geschah, wusste man dort, im ‘Auge des Orkans‘, am aller­we­nigsten, was das war. Ganz anders war das, wenn man später zu Hause am Rechner saß: „An unseren Computern lasen wir ununter­bro­chen, immer mehr Nachrichten, Analysen, Enthül­lungen – aus immer mehr Quellen. Und andauernd skypten und chatteten wir.“ Aber je mehr sie in sich aufsogen, desto weniger wussten sie: Denn im Grunde gab es nur noch zwei Arten von Infor­ma­tionen: eine „pro-westliche“ und eine „pro-östliche“ hyper­ven­ti­lie­rende Erzählung. Nach der Demokratie oder der Korrup­tion fragte kaum jemand mehr. „Irgend­wann sagten die Älteren, dass es auf seltsame Weise wie früher wäre: dass, jegliches, was man liest, Propa­ganda sei.“ Und in der Mitte von allem war eine Blackbox, in der immer wildere Speku­la­tionen gediehen. Es war so, als wenn die Stille vom Maidan jetzt überall wäre. Juri sagte: „Trau nur noch dem, was du siehst.“


Aber was sieht man schon? In unserer Straße im Wedding sah man langsam die Blätter gelb werden. Was in Donezk passierte, erzählten die Freunde unserer Freunde, bis sie selbst weggingen, ihnen noch eine Weile lang am Telefon. Doch wenn man ehrlich ist: Wer kennt schon die Leute, die das Rathaus besetzen? Wer sieht, woher eine Rakete kommt, die ein Hausdach zerschlägt? „Aber das Leben“, sagte Vika eines Abends, als Juri an unserem Küchen­tisch hartge­kochte Eier schälte, „das ganz normale Leben, verändert sich nicht erst, wenn eine Rakete einschlägt.“ Und dann erzählte sie, dass seit dem die Freiwil­li­gen­ba­tail­lone im ganzen Land herum­zögen und immer mehr mit Gewalt geregelt würde, auch in Kiew immer mehr Idioten in Camou­fla­ge­kla­motten herum­liefen, die irgend­wel­chen Blödsinn trieben.
Zum Beispiel war da der Tag, als sie im Café saßen und plötzlich ein Trupp solcher Idioten hereinkam. Mit Maschi­nen­ge­wehren. Sie sagten, sie wollten die Geschäfts­füh­rung sprechen. Die Kellnerin sagte, die sei gerade nicht da. Sie wollten, sagten die Camou­flag­eidioten, im Sinne der neuen Ordnung, das Café übernehmen. „Übernehmen?“, fragte die Kellnerin. „Dann müssen Sie bitte warten.“ Die Idioten hätten sich hinge­setzt und ein Weilchen gewartet. Als nichts passierte, seien sie gegangen – und wohl auch nicht wieder gekommen.


Ausge­rechnet an diesem Abend gab es Streit. Juri hatte aus der Reihe „sowje­ti­sche Gerichte aus unserer Kindheit, vor denen deutsche Bioschnitten erblassen“ einen Mayon­nai­se­salat mit vielen Eiern zubereitet, der herrlich war und wir tranken Zwetsch­ge­n­brand dazu. Aus der Reihe „Kiewer Räuber­pis­tolen“ wurden noch einige erzählt. Mischa lachte und holte unsere Wasser­pump­guns, um einen Kiewer Camouflage-Vollpfosten in Szene zu setzen. Juri legte hinterm Spülbe­cken einen Hinter­halt. „Das ist nicht nicht komisch“, sagte Vika plötzlich und korkte den Zwetsch­ge­n­schnaps zu. Und weil alle in diesem Moment still waren, sagte sie noch einmal in diese Stille hinein „Ich habe Angst vor diesen Vollidioten. Wenn uns so einer gegen­über­steht, wer weiß, auf welchem Film der ist? Wer weiß, was er über uns denkt?“ „Entspann dich mal“, sagte Mischa und korkte den Schnaps wieder auf. „Leicht für dich.“ - „Hä?“ - „Du bist Ukrainer.“ - „Mach mal halblang, das hat zwischen uns wirklich noch nie eine Rolle gespielt.“ - „Jetzt spielt es eine“, sagte Vika. Und uns kam es vor, als sei es ihr selbst unange­nehm, wie drama­tisch und theatra­lisch das alles klang. Aber der Satz stand im Raum, und es half auch nicht, dass geschäftig den Nachtisch aus unserem Kühschrank holte, jedem Pflaumen im Schoko­la­den­mantel servierte und von etwas ganz anderem sprach.


Das war schon die Zeit, als bald die Waffen schwiegen. Als der Sommer vom Baum wehte, als es kühler wurde. Als dann Waffen­ruhe einkehrte, warfen wir die Plastik­pump­guns weg, nicht um den Frieden zu unter­strei­chen, sondern weil wir instinktiv spürten, dass es wirklich kein bisschen lustig war. Die Wedding-Streifzüge unserer Freunde wurden kürzer, die Stunden, in unserer Wohnung länger, und immer öfter hatte jemand eines anderen Socken an. Nicht, dass wir uns auf die Nerven gingen. Im Gegenteil, wurden wir alle sehr vorsichtig mitein­ander. Wir wussten, dass unsere Freunde über Geld und über ihr Visum nachdachten. Niemand sprach mehr über Politik. Und niemand fragte den anderen, was er morgen und übermorgen machen würde. Wir merkten einfach, dass es die falsche Frage war. Auch darüber sprachen wir nicht: dass bald Parla­ments­wahlen waren. „Das dicke Ende kommt, wenn die Kämpfe vorbei sind“, hatte Juri im August noch gesagt. „Wenn die Warlords aus dem Krieg heimkehren, nichts mehr zu tun haben und in die Politik gehen werden.“ Wenn man Poroschenko vorwerfen wird, er hätte das Land verspielt. Das Schlimme sei, dass kolpor­tiert würde, Poroschenko sei Jude. „Das Schlimme ist, wenn in unseren Ländern etwas schief geht, heißt es, die Juden sind Schuld“.


Inzwi­schen ist Mischa nach Hause gefahren. Er hat ziemlich lange gezaudert, aber er musste sich um Geld und um seine Eltern kümmern. Juri und Vika sind nach Israel geflogen. Sie hatten niemals nach Israel gewollt. Aber Israel war das einzige Land, das sie ohne Visum aufnimmt, wo sie Verwandte haben und ein Weilchen bleiben können. Vorerst.


Als wir gestern skypten, war im Kamera­bild der Strand von Haifa zu sehen. An Juris Haaren zerrte der Wind. Er ist braun geworden und wie uns scheint, etwas schlanker. „Die Juden sind komisch“, meint Juri, „so ein Mittel­meer­volk, essen nur Rohkost und trinken nicht. Nennen uns Russen. Zum ersten Mal fühle ich mich als Russe.“


Vom Auswan­dern reden unsere Freunde immer noch nicht. Juri ist ukrai­ni­scher Geschichts­wis­sen­schaftler, er ist 34 und hat einen Faible für Baiser­tört­chen und Mayon­nai­se­sa­late. Und weil man von etwas leben muss hat er bis vor kurzem mit seinem besten Freund Mischa einen Handel mit deutschen VW-Teilen betrieben. In Haifa ist Juri niemand. Nur ein Russe, dem der Wind das Haar zerzaust und der an einem Strand entlang­geht.

Geschrieben für die taz, unver­öf­fent­licht, Sommer 2013