Helden, Hasen und Freude im Schnee

Es ist Winter. Und wir haben in Ostbran­den­burg Schnee! Vor dem Fenster ist eine in der Sonne glitzernde Schnee­decke zu sehen. Ich sehe sie und freue mich – und muss dabei an die Freude meiner Kindheit denken, wenn es schneite. Wenn Schnee fiel, freuten wir uns – unbändig. Schnee­flo­cken! Und später eine Decke von Schnee, dort wo früher die Wiesen gewesen waren. Vielleicht war es der Effekt von Verfrem­dung – eine Landschaft sieht, wenn sie verschneit ist, völlig anders aus. Ein Feld heller und weiter. Ein See größer und gar nicht mehr tief. Dazu die Schnee­mütz­chen auf den Dingen, die sie zu etwas Anderem machen und die Stille im Schnee, der wie ein hochflo­riger Teppich den Klang verschluckt. 

Eigent­lich beschreibt das Wort „Freude“ nur unzurei­chend mein Kind-Gefühl angesichts von viel fallendem Schnee. Es war mehr. Es hatte mit einer unbestimmten Erwartung zu tun. Ähnlich wie das Gefühl, das einen überkam, wenn die irrsinnig langen Sommer­fe­rien anfingen. Aus irgend­einem Grund haben wir Erwach­senen meistens verlernt, uns genauso zu freuen. Heute kann ich es kaum mehr glauben – aber damals rannten wir, wenn es im Winter zum ersten Mal schneite, zur Pause nach draußen, johlten und quietschten, schmissen uns gegen­seitig in den Schnee und seiften uns die Gesichter ein. Ich fand es jedes Mal auch ein bisschen fürch­ter­lich. Ich hasste die Nässe im Nacken, wenn der Schnee schmolz. 

Wenn es zum ersten Mal im Jahr schneite – also, wenn es richtig schneite – kamen fast immer Dinge auf uns zu, die wir noch nie vorher erlebt hatten. Zum ersten Mal ist man in dem Alter, in dem man mit den Großen Schlitten fährt. Auf dem Rücken liegend auf dem Schlitten einen Hang runter sausen. Das ist nicht ohne, weil man eigent­lich wedernach vorn sieht noch den Schlitten wirklich lenken kann. Oder zum ersten Mal ein Iglu bauen – so ein richtiges Iglu, eines, in dem man stehen kann. 

Als ich 14 war, zog meine Familie in ein winziges Dorf im Hochschwarz­wald, das außer einem Skilift und einer atembe­rau­benden Aussicht nicht viel zu bieten hatte. Eines Tages kamen meine Eltern und wir mit dem Auto nach Hause, als es gerade richtig geschneit hatte, und konnten unser Haus nicht sehen. Unser Haus war ein sehr altes, sehr kleines Haus, das sich an einen Hang duckte. Dazu kam, dass tatsäch­lich hoch Schnee lag. Das Räumfahr­zeug hatte die Straßen schon frei gefressen, und links und rechts den Schnee aufge­worfen, der sich ungefähr mannshoch türmte. Klar also, dass man das Haus nicht sah. Mein Papa borgte irgendwo einen Schnee­schieber und arbeitete den Schnee weg, den der Pflug aufge­worfen hatte. Aber siehe da – man sah das Haus immer noch nicht. Nur der Schorn­stein guckte aus dem Weiß heraus. Es war wirklich vollkommen einge­schneit. Es muss direkt in einer Schnee­wehe gelegen haben.

Wir fanden das Ganze sehr aufregend. Sehr gefähr­lich, wie in einem Abenteu­er­film. Unser Papa allein gegen den Schnee. Tatsäch­lich kann ich mich nicht daran erinnern, dass wir ihm geholfen hätten, was mir heute etwas peinlich ist. Aber ich kann mich an den Gang erinnern, den er mit der Schnee­schaufel gegraben hatte und an das Loch, das dann schließ­lich zur Haustür führte. Und daran, dass wir am Ende doch alle ziemlich gefroren haben. Unser Papa jedoch war ein Held, ich habe ihn selten so toll gefunden.

Nachdem wir eine Weile lang in diesem Dorf gewohnt hatten, fanden wir Schnee­ver­hält­nisse leicht unterhalb dieser gewal­tigen Schnee­decke ziemlich normal. Dass mir der aufge­wor­fene Schnee links und rechts der Straße bis zur Mütze reichte, war ein übliches Bild. Die Straßen wurden nie einge­salzen – vielleicht, weil man mit Salz gegen diese Schnee­mengen sowieso nicht angekommen wäre – sondern der Schnee wurde nur zur Seite geschoben und die verblei­bende Masse platt­ge­walzt. Die Autos fuhren langsam darauf. Schnee­ketten verwen­deten lediglich Leute, deren Häuser über unberäumte Wege zu erreichen waren. Soweit ich mich erinnern kann, zogen meine Eltern in der kalten Saison Winter­reifen auf. Das war alles. 

Hin und wieder passierte es aller­dings, dass im Winter der Schulbus nicht kam. Er kam einfach nicht, und die Schüler gingen dann wieder nach Hause. Man brauchte auch nicht anzurufen, um sich zu entschul­digen, denn in der Schule hatten alle gemerkt, dass die Kinder von unserem Berg nicht kamen – das kam eben manchmal vor, und es war klar, warum. 

Gestern ging ich aus der Tür, um nach der Post zu schauen – und freute mich, dass die hübsche kleine Schnee­decke, die uns der Himmel nach Branden­burg geschneit hatte, noch fast unver­sehrt war. Es war ja nicht viel. Keine Schnee­massen, nichts Mächtiges – eher etwas, das man gern schützen möchte. Dennoch war es fein! Der Anger in der Dorfmitte weiß, unser Garten weiß. Auf den Tannen Zucker, auf den Mülltonnen dicke Kissen. Es war kalt genug, dass es sogar schön knirschte, wenn man auf dem Schnee ging. 

Und überall waren mittler­weile Spuren zu sehen – von Katzen, von Hasen und von Mäuschen, die in wirren Bahnen im Schnee hin und her rannten, um Gott-weiß-was zu erledigen. Oder vielleicht aus purer Freude am Schnee?

Ich guckte in die Wetter-App, um zu erfahren, ob neuer Schnee kommen würde. Und ob ich Schnee schieben müsse, denn leider befindet sich die Bushal­te­stelle, an der morgens die Kinder auf ihren Schulbus warten, auf dem Gehsteig, der zu unserem Grund­stück gehört. Ich schiebe nicht gerne Schnee. Leider bin ich nicht ansatz­weise so gut darin, wie mein Papa es war.

 „Habe mich wohl vertippt“, dachte ich, denn meine App sagte mir, dass angesichts stetiger, leichter Schnee­fälle, die am Tag danach zu erwarten seien, gepaart mit Wind – etwa 20 km/h – eine „deutliche Bedrohung für meinen Besitz und mein Leben“ bestehe. Tatsäch­lich glaubte ich einen Augen­blick lang, ich hätte schlicht und einfach verse­hent­lich den falschen Ort einge­geben. Vielleicht Garmisch-Partenkirchen. 

Ich ging ins Haus und verstand, dass die Lage ernst war. Halb Branden­burg, Berlin und weitere Teile Deutsch­lands befanden sich im Katastro­phen­modus. Auf allen Kanälen sprachen Wetter­ex­perten oder Journa­listen, die Wetter­ex­perten inter­pre­tierten, und warnten. Zwischen­durch telefo­nierte ich mit normalen Leuten, die versuchten, die Journa­listen und die Wetter­ex­perten zu inter­pre­tieren. Und ichversuchte, zu begreifen, was eigent­lich los war: Wenn ich die Wetter­ex­perten richtig verstand, ging es um die Erwartung einer insta­bilen Wetter­lage – einer Wetter­si­tua­tion also, in der vieles möglich ist. Aus den leichten Schnee­fällen könnten rasch stärkere Schnee­fälle werden, und aus den leichten Windböen stärkere Windböen. Alles in allem also müssten wir uns darauf einrichten, zu einen gewissen Wahrschein­lich­keits­grad auf unerwartet hohe Schnee­wehen zu treffen. Angesichts dessen eine amtliche Unwet­ter­war­nung. Die Empfeh­lung, nicht nach draußen zu gehen, falls es nicht zwingend erfor­der­lich sei. Ich sprach mit einem Freund, der mir erzählte, die Schule im Oderbruch, die seine Kinder besuchen, habe eben angeordnet, dass der Präsenz­un­ter­richt morgen ausfallen müsse. Eine Versi­che­rung schickte mir eine Eilmes­sage: Ergreifen Sie Maßnahmen. Wäre dies ein schlechter Roman, hätte ich mich ungläubig in den Arm gekniffen. Ich guckte durchs Fenster nach draußen. Dort sah immer noch alles aus wie gehabt. Schnee mit Hasen­spuren und Menschen­spuren. An einigen Stellen schon etwas angefressen. Aber immer noch schön.

Ich fragte mich, was die anderen Leute im Dorf wohl gerade dachten und machten. Ob sie jetzt drinnen saßen und schon planten, morgen im Haus zu bleiben? Vielleicht schon Beweh­rungen für Fenster und Türen einkauften, damit die Schnee­wehen nicht die Scheiben knacken könnten, ins Wohnzimmer dringen und die Familie ersticken? Was war eigent­lich falsch an ein bisschen Vorsicht? Ja, was eigent­lich? 

Das Ganze erinnert mich an den Brand­schutz. Im Laufe der Jahre hat sich durch das Ausschlie­ßen­wollen jedweder Gefahren, der offen­sicht­li­chen und mögli­cher­weise denkbaren, ein immer entkop­pel­teres, monströ­seres Netz an Bestim­mungen entwi­ckelt, dem niemand mehr entkommen kann. Und Menschen werden darin zu Wichten – wichtig ist nicht mehr, was sie können, welche beson­deren Wege sie gehen, was sie verant­worten und was sie wagen, sondern ob sie den Bestim­mungen des Brand­schutzes entspre­chen. 

Ich glaube, es ist das: Wenn wir alle an Tagen, an denen Schnee­wehen uns überra­schen könnten, durch Warnungen bewahrt, zu Hause im Warmen sitzen bleiben müssen, werden wir niemals mehr erleben, dass Schnee zugleich etwas Zauber­haftes und Bedroh­li­ches ist. Und dass das Wunder­volle am Schnee nun einmal ist – dass er beides ist. Die Freude der Kinder am Schnee ist deshalb so wild, weil sie das spüren. Die Freude am Schnee hat damit zu tun, sich auszu­setzen. Ich glaube, wir brauchen das.